Auf einen Hugo

Kleines Schreibspiel unter Freunden. Das Ende war vorgegeben, den Anfang hatte ich bereits stehen, als wir uns dazu beschlossen, die Geschichte nicht zusammen, sondern jeder für sich zu entwerfen. Ich setzte noch eins drauf und reglementierte mich auf 1800 Zeichen (= Normseite).

Hugo verfluchte sich. Verfluchte sich und die hitzige Bäckerin, die es wieder mal geschafft hatte ihm ein altes Mohnbrötchen anzudrehen. Er liebte den Geschmack, vor allem zu Almbutter und Käse. Aber nun, verdammt noch mal, hatten sich die kleinen Samen unter sein Gebiss geschoben. Beim Versuch die Störung mit der Zunge zu beseitigen geriet sein Kinn völlig außer Kontrolle. Irritiert stolperte er und kam vom schmalen Steg, der durch das Moorgebiet führte, ab.

Käthe, seine Schnappschildkröte, nahm die vermeintliche Provokation auf. Weil Hugo allerdings zu weit in der Minze stand, ließ sie enttäuscht den Kiefer guillotineartig nach unten fallen. Traf dabei das dritte Ei von Frau Ente. Die Schale knirschte bedenklich und der daneben stehende Erpel, der sein Balzresultat gefährdet sah, auch. Ein ziemlicher Affront, fand Ernest Erpel und bestieg die Schildkröte. Nicht in sexueller Absicht, nein, einfach nur um einen besseren Überblick zu haben.

Hugo hatte sich zwischenzeitlich aus dem Feuchtgebiet gerappelt, den Mund voller Minze, die frisch-scharf mit dem Geschmack des Brackwassers kontrastierte. Zu sehr hätte er sich eine Flasche Prosecco herbeigewünscht. Schon der Gedanke daran machte ihn wieder torkeln, und er landete erneut im Sumpf. Diesmal bäuchlings. Und, nein, es war nicht mal Entengrütze, die er nun zwischen seinen gebleichten Zähnen und den alten, affig glänzenden Jacketkronen hatte. Auch nicht die Weintraube vom Käsespießchen. Es war schlicht und einfach Entendreck. Ihn würgte, und er reiherte auf Platy, den vor ihm schwimmenden Zahnkarpfen. Dabei verlor er die teure Teilprothese.

 Er nahm das Gebiss, das Mohnbrötchen und die verschreckte Schildkröte wieder an sich, steckte die Weintraube in die linke Hosentasche und ritt auf seinem Erpel in den Sonnenuntergang.

Selbstredend bringe ich auch Ihren gewünschten Text auf den Punkt. Zeichengenau, aussagekräftig. Sprachlich und fachlich kompetent, denn über Dinge, die mir nicht (am Herzen) liegen, schreibe ich nicht. Ist nur der materielle Aspekt Motivation, fehlt den Zeilen echtes Leben.

 

 

Von der Inflation der Punkte

In den letzten Jahren – war es nun seit “101 Dalmatiner” oder schon vorher – pünktelt es zunehmend allüberall. Nicht auf dem Marienkäfer, nein. Auch nicht in Flensburg. Vor allem dort, wo die Tupfen nicht hingehören. Weitflächig über die Republik verteilt und vor allem im Net. Nicht als Punkte, die die Fäden verknoten. Sondern unerträglich überall da, wo dem Schreiber die Worte ausgingen, Fragmente bröckeln, sich ausgelassen wurde und weitaus mehr auszulassen wäre.

Soll es cool sein, fehlenden Hintergrund vortäuschen? Wurde das in der Schule Gelernte binnen Wochen schon vergessen? Mein Lektorenauge tränt, die Fremdschamröte überzieht sogar die Lider. Spätestens dann, wenn Punkte Buchstaben überwiegen.

Mir verleiden sie jegliche Leselust schon im Voraus. Sie wirken auf mich wie Mückenschisse an der Scheibe. Mag sein, mancher kann über sie hinwegsehen, mir gelingt es nicht. Und so pünkteln sie vor sich hin und tüpfeln und punkten. Und wenn sie nicht … (ja, hier – und genau hier – haben sie ihre Berechtigung, denn ihr dürft den Gedanken gerne selber punktgenau zu Ende bringen).

PS Drei Punkte mit Leerzeichen als Fortsetzungsdarstellung eines Gedankens oder als Wort-/Satzteilauslassung, auch am Satzanfang. Drei Punkte ohne Leerzeichen für nicht getippte Buchstaben. Nicht mehr, nicht weniger.

Kurz und gut

Was immer Du schreibst – schreibe kurz, und sie werden es lesen, schreibe klar, und sie werden es verstehen, schreibe bildhaft, und sie werden es im Gedächtnis behalten.

Joseph Pulitzer

Das ist auch meine Maxime für Ihre Texte! Wortgenau, auf den Punkt getroffen.